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Aus dem Rathaus

50 Jahre Allendeviertel

Wo Wohnen und Erholung ganz nah beieinander sind

Eigentlich wäre die Geschichte schnell erzählt. Vier Schulen, Kindergärten für rund 600 Plätze, vier Altersheime, zwei Kaufhallen und eine Schwimmhalle. Anfang der siebziger Jahre geplant, 1979 im ersten Teilabschnitt fertig gestellt und 1982 vollendet, entstand in Südosten Berlins eine Großraumsiedlung für 12.000 Menschen in 6.800 Wohnungen. Eine weitere gesichtslose sozialistische Satellitenstadt, wie es sie überall in der DDR gab.

Doch so einfach ist es dann doch nicht. Da ist zunächst die Freude der Bewohner, die maroden und heruntergekommen Altbauten der Innenstadt verlassen zu können. Der alte DDR-Witz, der real­existierende Sozialismus würde so lange durchhalten, bis die Innenstädte Berlins, Leipzigs und Dresdens zerbröckeln würden, sollte sich knapp zehn Jahre nach Errichtung der Neubaugebiete schließlich bewahrheiten. Und so war jeder Einzelne froh, dem Verfall zu entrinnen und hier am grünen Stadtrand eine helle und moderne Wohnung beziehen zu können.

Architektonisch stellen die beiden Wohnviertel doch eine Besonderheit dar. Auch wenn diese erst auf den zweiten Blick auffällt. Hier steht z.B. das längste Wohnhaus Berlins entlang der Wendenschloßstraße. Bereits bei der Planung wurde auf viel Platz zwischen den Gebäuden geachtet. Damit wurde ein städtebauliches Konzept aus den frühen sechziger Jahren wieder belebt, das Wohnen und Erholung im urbanen Raum verbinden sollte. Die bauliche Struktur des Allendeviertel I folgt im Wesentlichen dem Verlauf des alten Amtsgrabens, auch wenn dieser bis heute in einem Rohr verschwunden ist. So ist zwischen den Gebäuden eine parkähnliche Umgebung geschaffen worden. Auch im Allendeviertel II gibt es eine wesentliche Besonderheit. Hier wurden beim Bau die Waldabschnitte zwischen den Gebäuden stehen gelassen – eine absolute Neuheit beim Errichten von Neubaugebieten in der DDR.

Namensgeber für die beiden Wohnviertel wurde Salvador Allende, der demokratisch gewählte sozialistische Präsident Chiles, welcher 1973 bei einem faschistischen Putsch ermordet wurde. Auch der chilenische Schriftsteller Pablo Neruda und der Musiker Viktor Jara sind mit einer Straße und einem Denkmal hier gewürdigt. Viele Chilenen, die vor der faschistischen Junta fliehen mussten, fanden in der DDR Asyl und wohnten hier in Köpenick.

Doch schnell wurden die beiden Viertel im Volksmund zum „All eins“ und „All zwei“. Kurz vor der Wende entstand in dem Mehrzweckbau an der Pablo-Neruda-Str. der legendäre Jugendclub „All Eins“, der für viele Jugendliche zum Anziehungsmagneten wurde. Neben den Hip-Hop Konzerten spielten hier Anfang der neunziger Jahre auch Bands wie Knorkator. Den Mehrzweckbau gibt es schon lange nicht mehr, aber der „All Eins“ e.V. ist bis heute im Mellowpark aktiv. Dieser hatte seine Anfänge übrigens in den alten Schulgärten im Allendeviertel II.

Mit der Zeit änderte sich die Struktur der Wohngebiete allmählich. Ein Teil der Schulen und Kitas wurde geschlossen, die Häuser modernisiert und anstelle des kleinen Mehrzweckbaues steht heute ein Einkaufszentrum. Dass Salvador Allende auch hierfür seinen Namen geben musste, löst bei vielen Chilenen ein etwas ungläubiges Kopfschütteln aus. Viele Menschen sind neu hergezogen. Und seit 2015 sind auch wieder Menschen dabei, die vor Krieg und Elend flüchten mussten. Wenn auch nicht so unwidersprochen wie zur Gründungszeit der Viertel, konnten auch diese Flüchtlinge hier ankommen und zum Teil ein neues Zuhause finden. Die Unterstützung für diese Menschen durch engagierte Vereine wie „Allende 2 hilft e.V.“, dessen Gründungsmitglied ich bin oder die „Bude“ zeigt, dass ein großer Teil der Bewohner bereit ist, die Schönheiten und Vorzüge dieser Umgebung zu teilen.

Auch baulich wird sich das Allendeviertel noch einmal verändern. An der Salvador-Allende-Straße entsteht ein neuer Wohnblock. Bereits fertig ist das MUF, ein Wohnort für geflüchtete Menschen. Hier eröffnete am 19. August auch der neue Kiezklub, in dem man die Geschichte vom „All“ auch in Bildern ansehen kann.

Übrigens; die Bausubstanz der Häuser im Allendeviertel ist auf 140 Jahre konzipiert. So werden die markanten Hochhäuser wohl noch eine ganze Weile die südöstliche Silhouette der Stadt bestimmen und von einem ganz besonderen Ort künden, wo zwischen Wohnen und Erholung nur eine fließende Grenze ist.

Stefanie Fuchs

 

Damit das Leben und Wohnen im All eins und zwei weiter so lebenswert bleibt, startet die Fraktion DIE LINKE in der BVV immer wieder Initiativen. Zuletzt etwa für eine bessere Straßenbahnanbindung, die Instandsetzung von Geh- und Radwegen an der Salvador-Allende-Straße, für temporäre Einkaufsmöglichkeiten während einer Supermarktsanierung oder Ver­kehrsberuhigungen auf Nebenstraßen und mehr Verkehrssicherheit.


Dieser Artikel erschien zuerst in Aus dem Rathaus vom 01.09.2022

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