30 Jahre zapatistischer Aufstand - Das „Gemeinschaftliche“ und was wir sonst noch gemeinsam haben

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Demokratie und BürgerbeteiligungTreptow-Köpenick

Am 1. Januar 1994 besetzten indigene Bewohner:innen im Süden Mexikos fünf Bezirkshauptstädte des Bundesstaates Chiapas. Sie machten damit auf ihre 500-jährige gewaltsame Unterdrückung aufmerksam und forderten die Ländereien zurück, von denen sie vertrieben wurden. Nach kurzer Zeit konnte ein Waffenstillstand mit der mexikanischen Regierung ausgehandelt werden, den das Militär zwar häufig brach, mit dem aber große Regionen für die indigene Selbstverwaltung zurückerobert werden konnten.

Auf den ersten Blick könnte das als regionaler Konflikt gedeutet werden, mit dem wir hier nichts zu tun haben. Das ist nicht der Fall. Das Datum des Aufstands wurde anlässlich des Inkrafttretens des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens zwischen Mexiko, den USA und Kanada gewählt. Somit verwiesen die Aufständischen, die sich auf den mexikanischen Revolutionär Emiliano Zapata beziehen, direkt auf die internationale Dimension des kolonialen und kapitalistischen Jochs. Der Aufstand der Zapatistas wurde zur Inspirationsquelle für die globalisierungskritische Bewegung der 1990er und 2000er Jahre im Kampf gegen die tödliche Zerstörung von Mensch und Umwelt durch den globalen Kapitalismus.

„Fragend schreiten wir voran“ ist ein Leitsatz der indigenen Selbstverwaltung, den in der Folge auch autonome Bewegungen im globalen Norden übernahmen. Die Zapatistas bildeten 2003 regionale „Räte der guten Regierung“, die bis Ende letzten Jahres über 20 Jahre Entscheidungen über das Zusammenleben trafen, wo der Staat und deren „schlechte Regierung“ nicht mehr anerkannt wurden. Die Verwaltungsstrukturen wurden in einem langen Prozess evaluiert und jetzt durch lokalere Räte auf kleinerer dörflicher Ebene ersetzt. So soll Informationsverlust, Korruption und Langsamkeit durch eine noch vertiefte Demokratisierung begegnet werden.

Die zweite große Neuerung, die zum Jubiläum verkündet wurde, ist die Vertiefung der wirtschaftlichen Demokratie. Land wird Gemeinschaftseigentum. Das gemeinsame Land kann auf Zeit bestellt werden. „El común“ (übersetzt: das Gemeinsame oder das Gemeinschaftliche) ist das große Stichwort während der Jubiläums-Feierlichkeiten. Gemeingüter, Commons, Vergesellschaftung – das sind wichtige Konzepte für Linke weltweit.

Über vier Tage feierten zum Jahreswechsel 5.000 Menschen in der zapatistischen Gemeinde Dolores Hidalgo 30 Jahre Aufstand und den gemeinsamen Kampf „für das Leben“. Auch zahlreiche internationale Gäste waren angereist. „Kann der Kapitalismus humanisiert werden?“, fragte der Subcomandante Moisés bei seiner Rede. Gäste und Redner gaben die Antwort prompt: „Nein!“

Moisés ist Nachfolger von Subcomandante Marcos, der bekanntesten Figur der Zapatistas. Die Fähigkeit Macht abzugeben und umzuverteilen, hat wesentlich zum erfolgreichen Bestehen beigetragen, wovon die Linke ebenfalls lernen kann. Die Zapatistas verdienen weiterhin unsere Aufmerksamkeit und unsere Solidarität.

Hanno Bruchmann


Dieser Artikel stammt aus dem blättchen vom Februar 2024. Die Zeitungen des Bezirksvorstandes und der Fraktion können hier runtergeladen werden. Beide Zeitungen gibt es auch als kostenloses Abo.