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2. November 2011 Treptow-Köpenick

Täve in Friedrichshagen

©Maximilian Nitschke

Die Fanfare der Friedensfahrt erklang im etwas abgedunkelten Kinosaal und ein freudiges Raunen der über 70 Anwesenden ging durch den Raum. Bald darauf wurde Täve Schur mit viel Beifall begrüßt. Nur ein Blick in die Runde genügte ihm festzustellen, dass da offensichtlich Fans saßen. Keiner der Teilnehmer an diesem herbstlichen Lesesonntag war jünger als 50 Jahre.

Alle wollten Gustav Adolf Schur, das Rennfahreridol, das man im Osten nur unter dem Namen „Täve“ kennt, wiedersehen. Erinnerungen an die Begeisterung der 50er Jahre mit der jährlich stattfindenden Friedensfahrt Warschau-Berlin-Prag wurden wach, als zur Einstimmung ein Kurzfilm lief, der anlässlich seines 80. Geburtstages entstanden war. Neben dramatischen Wettfahrtszenen auf Landstraßen und siegreichen Zieleinfahrten, begleitet von Tausenden jubelnder Menschen, wurden aber auch die Strapazen beim Anstieg auf der „Steilen Wand von Meerane“ ins Gedächtnis gerufen.

Gleich bei der Vorstellung des prominenten Gastes gestand Danuta Schmidt, Moderatorin und Initiatorin der monatlichen Lesungen im „Union“, dass sie bisher wenig über das damalige Sportereignis wusste. Als junge Frau, die noch nicht geboren war, als das Friedensfahrtidol bereits Siege einfuhr, kannte sie zwar Meran in Südtirol, jedoch keine Stadt in Sachsen mit ähnlichem Namen und einer Straße, die „Steile Wand“ heißt. Im Film erinnern sich alte Mannschaftskameraden, darunter Bernhard Eckstein, Egon Adler, Detlef Zabel, Lothar Meister II mit dem Jubilar an die Zeiten, als „knallhartes Training, Ausdauer und Verlässlichkeit“ sich auszahlten.

Der Erlös aus den verkauften DVDs geht zum großen Teil an das „einzige Friedensfahrtmuseum der Welt“ in Kleinmühlingen, betonte er, dessen Weiterbestand ihm eine Herzensangelegenheit sei. Täve wollte nicht lange am erhöhten Lesepult sitzen, sondern mit dem Publikum plaudern und Fragen beantworten. So trat er, schlank und leichtfüßig, mit dem Mikrofon in der Hand direkt an die Zuhörer heran. Er sprach über taktische Angriffe im Wettkampf, Regenfahrten in Baumwollhosen, fahren mit Reibungsschaltung, im großen Gang über  Kopfsteinpflaster, über sein Abtrainieren, indem er viele Tausend Kilometer rannte und immer noch jedes Wochenende bis zu 80 Kilometer mit dem Rennrad unterwegs sei. Danach gefragt, sagte er aber auch, dass er als ehemaliger Friedensfahrer noch nie eine Einladung in die westlichen Bundesländer erhalten habe.

Immer wieder brachte Täve zum Ausdruck, dass er den Entwicklungsmöglichkeiten in der DDR und besonders den ausgezeichneten Bedingungen an der DHfK sehr viel verdanke. Deshalb fühle er sich den Menschen, deren Arbeit das ermöglicht habe, heute noch verpflichtet. Er wisse, wo er herkomme und wo er hingehöre, deshalb habe er niemals daran gedacht, die DDR zu verlassen.

Schmunzelnd gestand er, dass er als Jugendlicher gern ein Westrad gehabt hätte, sich das aber bei dem damaligen Kurs der DM zur DDR-Mark nicht leisten konnte. Gegenüber blättchen erklärte er in einem anschließenden Gespräch anlässlich des Parteitages der Linken , dass er seit 1958 in der SED und heute noch Mitglied der Linken ist. „Wir liegen richtig und ich bin froh, dass wir solche Genossen wie Lafontaine, Gysi, Ernst und Lötzsch haben. Meine Meinung vertrete ich überall“, versicherte er.

Mit dem Lesesonntag am 23. Oktober wollte Danuta Schmidt etwas Besonderes veranstalten, weil es seit einem Jahr im „Union“ das monatliche Lese-Frühstück gibt. Rund 100 Karten waren verkauft worden für die drei Lesungen, bei denen der Fernsehjournalist Dirk Sager über seine Reise Berlin-Saigon las und die TV-Moderatorin Janine Oesterreich-Strahl Anekdoten über Brecht vortrug. Der Alte Ballsaal in der Bölschestraße mit seiner Geschichte sei eine feierliche Kulisse für solche Veranstaltungen, wertete Danuta Schmidt diesen besonderen Lesesonntag.

Helga Pett