Wir schreiben den zweiten Sonnabend im März 2010, als gegen 7:50 Uhr mein Telefon klingelt. Ein Blick aus dem Fenster verrät, dass in diesem Jahr der Winter sich hartnäckiger als in anderen Jahren hält. Am Telefon Franz Sodann, den wir mit seinem Vater Peter eigentlich in zwei Stunden hier in Berlin auf der Bühne sehen wollen. Alljährliche Frauentagsfeier der Linken. „Wir stecken hier in Halle im Schnee und kommen nicht weg“, lautet die Hiobsbotschaft. Ich bin hellwach. Da kommen fast 100 Gäste, die kann man nicht wieder nach Hause schicken.
Freya und ich überlegen. „Annekathrin“, sagt sie schließlich. In mir sträubt sich alles: eine Schauspielerin, am Wochenende, 8:10 Uhr. Schließlich lässt mich der Gedanke: „Die Not ist groß…“ die Skrupel überwinden und ich wähle die Nummer von Annekathrin Bürger. Das „Ja, bitte“ am anderen Ende der Leitung klingt nicht wirklich fröhlich. Ich erkläre. Vorsichtshalber beginne ich mit den Worten: „Das ist ein kulturpolitischer Notfall…“, und, dass
wir natürlich kämen, um sie abzuholen usw. usw. Alles, was man so sagt, wenn man eine Diva zur Unzeit aus dem Schlaf trommelt. Schließlich fragt die noch immer nicht ganz wache Stimme: „Wie viel Zeit hab ich?“ Ich gerate ins Stammeln. „Naja, wenn Du…, sagen wir…, wenn Du gleich aufstehst, dann so ungefähr 1,5 Stunden…?!?“ „Soviel brauch ich ja allein schon, um mich zu schminken, …na gut, dann holt mich eben ab.“
Pünktlich zu Veranstaltungsbeginn betritt eine strahlende Annekathrin Bürger den Saal und wird von den anwesenden Gästen, die inzwischen die kleine Geschichte schon kennen, mit frenetischem Applaus begrüßt. Die Stimmung ist sofort adrenalingeladen. Es wird eine der schönsten, fröhlichsten Veranstaltungen, an die ich mich erinnere. Ein Vormittag von atemberaubender Nähe zwischen Publikum und Künstlerin. Die Bürger – Diva und liebevoll zugewandt zugleich. Wer dabei war, wird mir zustimmen.
Am 3. April wurde Annekathrin Bürger unglaubliche 75 Jahre alt. Kathrin, danke, dass Du an unserer Seite bist und dass wir an Deiner Seite sein dürfen. Danke, dass wir in Dir eine unbeugsame und unbequeme Mitstreiterin für Gerechtigkeit, Toleranz, gegenseitigen Respekt und Vernunft haben.
Alles Liebe und Gute auf den Weg.
Dr. Michael Greulich