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1. November 2009 Treptow-Köpenick

Interview mit Carolin Weingart nach der Wahl

ZUR PERSON: Carolin Weingart (24) studiert seit 2005 in Jena Politikwissenschaft, Südslawistik und Rechtswissenschaft. Sie ist seit Juni 2009 Mitglied im Ortsteilrat Neulobeda und vertritt Thüringen im Länderrat von linksjugend ['solid]. Im Wahlkampfsommer absolvierte sie in der Geschäftstelle der Linken Treptow-Köpenick im Allendeweg ein Praktikum und unterstützte dabei maßgeblich auch den Jugendwahlkampf im Bezirk.

Carolin, mittlerweile hast Du in Jena Dein Studium wieder aufgenommen und konzentrierst Dich nun auch wieder auf Deine politische Arbeit in Thüringen. Doch lass uns noch einmal kurz auf den Sommer zurückschauen. Wie hat Dir Dein Praktikum bei uns gefallen?

Dieses Praktikum war inzwischen mein drittes bei der LINKEN in Treptow-Köpenick und es hat mir wie immer viel Spaß gemacht. Ich freue mich besonders darüber, dass ich mehr und mehr selbständig Aufgaben übernehmen durfte und damit die Geschäftsstelle entlasten konnte, die in Wahlkampfzeiten immer viel Arbeit hat. Dank der Mithilfe vieler fleißiger Genossinnen und Genossen ist es uns gelungen, über 6000 Plakate, so viele wie noch nie, zu hängen. Bei der Organisation dessen war ich maßgeblich beteiligt.

Aus der Geschäftsstelle heraus hast Du den Wahlkampf selbst mit koordiniert und natürlich auch selbst auf der Straße geführt. Wie zufrieden bist Du nun eigentlich mit dem Ergebnis was hat Dir daneben vielleicht auch Mut gemacht?

Das Ergebnis der LINKEN bundesweit war natürlich sensationell. Eine besondere Belohnung für mich war, dass unser Direktkandidat, Gregor Gysi, den Wahlkreis erneut erobern konnte und wir im Bezirk sogar noch an Stimmen zugelegt haben. Die negative Stimmungsmache der politischen Gegner gegenüber Gregor Gysi und der LINKEN haben nichts genützt. Im Gegenteil, im Wahlkampf auf der Straße habe ich sehr viel positive Resonanz erlebt und dadurch erfahren, dass sich unser Engagement lohnt.

Du studierst unter anderem Politikwissenschaft. Was denkst Du, wie politisch sind Menschen im Alltag und wie kann man sie am besten ansprechen?

Ich denke, dass die große Mehrheit der Menschen außerhalb des Wahlkampfes nur wenig mit Politik in Berührung kommt, dabei ist gerade in der Zivilgesellschaft Engagement wichtig. Meiner Ansicht nach dürfen sich die Parteien außerhalb des Wahlkampfes nicht abschotten und müssen Ansprechpartner für die Bedürfnisse und Sorgen der Bürgerinnen und Bürger sein. Sie haben die Aufgabe ihre Politik zu erklären und den Menschen verständlich zu machen. Gleichzeitig muss eine Partei offen sein für Interessierte und neue Mitglieder. Wir haben im Zuge der Wahlen viele Neumitglieder dazugewonnen, die nun integriert werden müssen.

Hat sich DIE LINKE Deiner Ansicht nach im Wahlkampf darauf eingestellt oder wäre es auch besser gegangen?

Im Wahlkampf waren wir natürlich auf der Straße präsent und haben mit vielen Menschen über unsere politischen Forderungen diskutiert. Dabei war die Stimmung sehr offen. Ich finde es außerordentlich lobenswert, dass unsere Genossinnen und Genossen auch neben dem Wahlkampf regelmäßig Infostände organisieren  und beispielsweise die Politik der Linksfraktion in der BVV kommunizieren. Wichtig ist auch, dass sich Gregor Gysi weiter für den Bezirk einsetzt und seine Bürgersprechstunden fortsetzt.

Gerade erst sind die schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen zu Ende gegangen. Auf schärfere Spielregeln für Finanzmärkte hat man sich bisher aber nicht geeinigt. Glaubst Du, dass noch kommen werden?

Die deregulierten Finanzmärkte wurden unter Schröder eingeführt, nun sind die Urheber dieser neoliberalen Ideologie an der Macht. Die FDP hatte im Wahlkampf eine bessere Kontrolle der Finanzmärkte gefordert. Ich bezweifle jedoch sehr stark, dass unter schwarz-gelb eine wirksame Regulierung der Finanzmärkte erfolgen wird und befürchte viel eher, dass der Casino-Kapitalismus weiter betrieben wird.

Inzwischen hat sich die SPD in Thüringen dazu entschlossen, die bisherige Landesregierung weiter im Amt zu halten. DIE LINKE in Thüringen sitzt damit wohl gleich doppelt in der Opposition. Schwarz-gelb im Bund und eine „Große“ Koalition im Landtag. Wie macht ihr jetzt als Linksjugend Thüringen weiter?

Wir als linksjugend [`solid] Thüringen werden weiterhin die Versäumnisse der Landesregierung aufzeigen und sagen ganz deutlich, dass die SPD ihre zentralen Wahlversprechen gebrochen hat. Mit rot-rot-grün wäre zum Beispiel eine andere Bildungspolitik möglich gewesen. Der nun im Koaltionsvertrag vereinbarte Kompromiss der Gemeinschaftsschule ist ein Etikettenschwindel, tatsächlich bleibt die Selektion der Kinder ab der 4. Klasse bestehen. Vielmehr hätte man sich am Berliner Modell der Gemeinschaftsschulen orientieren sollen.

Im nächsten Jahr wirst Du Dein Studium abschließen. Weißt Du schon, wie es danach mit Dir und der LINKEN weitergeht?

Was nach dem Studienabschluss kommen wird, ist heutzutage nur noch schwer zu beantworten. Zunächst habe ich für DIE LINKE in Jena einige kommunalpolitischen Ämter übernommen. Falls ich in Deutschland keine Arbeit finden sollte, würde ich gerne für eine längere Zeit in Serbien leben, um meine Kenntnisse in der Sprache zu perfektionieren.

Carolin, ich danke Dir für das Gespräch und wünsche Dir weiterhin ein erfolgreiches Semester!

Das Interview führte Johann Eberlein.