DIE LINKE. Treptow-Köpenick
Seit Sommer sind wir eine Institution hier. „Hier“? – Damit ist gemeint der Friedrichshagener Marktplatz. „Wir“? – Damit ist gemeint eine Gruppe von Leuten aus der hiesigen Basisorganisation der Partei DIE LINKE. Wie viele es sind, das wissen wir selbst nicht so genau. Es sind knapp zehn Leute. Und was machen diese „knapp zehn Leute“? Sie nehmen an der wöchentlich stattfindenden Montagsdemo der FBI in offizieller Funktion teil, größtenteils als „Ordner“, innerhalb einer größeren Gruppe Ordnender.
„FBI“? – Das ist doch eine Abkürzung aus den USA mit sehr unangenehmem Beigeschmack. Richtig! Hier jedoch steht diese Abkürzung für Friedrichshagener Bürgerinitiative, welche sich gegen den Schönefelder Flughafen mit seinen Auswirkungen wehrt. Die Assoziation mit dem US-amerikanischen Inlandsgeheimdienst ist übrigens gewollt. Und was ordnen die „Ordner“? – Verkehrliches. Genauer: Größtenteils stehen sie an der Absperrung des Marktplatzes hin zur Bölschestraße und passen auf, dass von den Demo-Teilnehmern niemand versehentlich auf die bekanntlich viel befahrene Fahrbahn gerät. Sie verteilen auch Einladungs-Flyer an die zu einem großen Teil von Richtung S-Bahnhof kommenden Demonstrantinnen und Demonstranten.
Ja, es ist tatsächlich so, dass viele mit der S-Bahn kommen, aus Berlin selbst, aber auch aus dem südöst- und südwestlichen Umland, eben aus den nach bisherigem Planungsstand von dem Flughafen betroffenen Kommunen und Stadtteilen. Wir hatten bereits bis zu 5 500 Demo-Teilnehmer. Wie kommen wir zu den Zahlen?
Es gibt da zwei Zählarten. Unsere funktioniert folgendermaßen: Wir verteilen ja diese Flyer. Und diese Flyer sind zugleich „Zähl“-Flyer. Der überwiegende Teil der Teilnehmer weiß dies – und will unbedingt mitgezählt werden. Schwangere wünschen manchmal zwei Flyer. Anhand der Anzahl der verteilten Flyer wissen wir dann, wie viele Leute sich auf dem Platz befinden.
Es gibt auch noch die Zählweise der Polizei. Und die sieht folgendermaßen aus: Der Marktplatz weist eine Fläche von 2000 qm auf. Pro Quadratmeter können zwei – wenn es eng wird – bis zu zweieinhalb Personen stehen. Per Augenschein wird auf dieser Basis die Anzahl der Personen geschätzt. Wobei die Polizei diejenigen Flächen, die bereits anderweitig belegt sind, nicht von der Gesamtfläche abzieht, wie sie betont. Dies gilt beispielsweise für den Sockel des Alten Fritz. Die Ergebnisse unserer Zählweise gleichen sehr den Zahlenangaben der Polizei.
Es gibt natürlich auch die eine oder andere Anekdote zu berichten. Eine Frau wollte unbedingt drei Flyer. Ihre Begründung war: Sie arbeite in einer nahe gelegenen Arztpraxis. Ihr Chef und dessen Frau wollten – wie ansonsten auch – zu der Demo kommen. Doch es kam Unvorhergesehenes dazwischen. Sie wollten aber unbedingt mitgezählt werden. Da hat man doch ein Herz für, oder? Nochmals zurück zum einleitenden Satz. Ein Ausdruck wurde bislang noch nicht erklärt, und zwar der der „Institution“. Üblicherweise wird darunter so etwas wie eine Einrichtung, öffentlich oder auch privat betrieben, verstanden. Hier ist dieser Begriff weiter gefasst, in der Weise, wie ihn die Sozialwissenschaften verstehen. Für die ist eine Institution bereits so etwas wie regelmäßig wiederkehrende Verhaltensweisen im zwischenmenschlichen Bereich – was mit unserer wöchentlichen Teilnahme zweifelsohne der Fall ist. Ob mit diesem erweiterten Institutions-Begriff ein Erkenntnisgewinn– darum geht es ja angeblich den Wissenschaften immer – verbunden ist, möge der Leser selbst entscheiden.
Peter Leiß, erschienen im Blättchen Februar 2012