DIE LINKE. Treptow-Köpenick
Nach dem Wahlsonntag habe ich nur kurz getrauert, sagt Lucas Zowislok. So kann es nicht weitergehen, ergänzt er und weiß bereits genau, was er als nächstes machen will. In den vergangenen Wochen war der 25-Jährige aus Friedrichshagen jeden Tag im Bezirk unterwegs.
Vor der Wahl hat er für seine Partei Plakate aufgehängt – ganz im Norden Am Treptower Park und der Köpenicker Landstraße, in der Bruno-Taut-Straße in Bohnsdorf und am Müggelseedamm, wo er zu Hause ist. Dann musste alles wieder abgenommen werden. Pause machen, ausruhen, keine Zeit! Höchstens mal das Saxophon oder die Klarinette zur Hand nehmen und beim Spiel entspannen, die Nachbarn haben sich bisher nicht beschwert.
Dass Jugendliche ihn um ein Plakat der Piraten baten und sich wenig für Aussagen der Linken interessierten, hat ihn sehr nachdenklich gemacht. Jeden Montag findet man den jungen Genossen, der erst vor vier Jahren im Rhein-Hunsrück-Kreis in die Partei eingetreten ist, auch bei der Protestkundgebung gegen Fluglärm auf dem Marktplatz in Friedrichshagen. Ich stehe dort mitCarsten Schatz am Infostand, erzählt er, und unsere Partei unterstützt die Aktion jedesmal auch durch vier Ordner. Da, wo berechtigt Protest nötig ist, muss die Linke präsent sein, ist er überzeugt. Nur wenn wir in Erscheinung treten, uns für die Anliegen und Forderungen der Bürger einsetzen, werden wir akzeptiert und Erfolge haben. Lucas glaubt fest, auch diese Montagsaktionen haben dazu beigetragen, dass die Linke in Friedrichshagen im Vergleich zu den anderen Wahlkreisen im Bezirk ziemlich gut abgeschnitten hat.
In Berlin-Schöneberg geboren, wuchs Lucas in der Nähe von Koblenz auf, erlernte einen kaufmännischen Beruf und arbeitete zunächst bei Metro. Seine Sehnsucht, nach Berlin zurückzukehren, wuchs jedesmal mehr, wenn er die Großeltern in Charlottenburg besuchte. Dass er bereits als Zwanzigjähriger politisch wach wurde und schließlich sogar in die Linke eintrat, erklärt er mit seinen Erfahrungen im Arbeitsalltag und den politischen Entwicklungen. Hartz IV-Gesetzgebung, Afghanistan-Krieg, Niedriglöhne, steigende Arbeitslosigkeit – angesichts der Haltung der SPD kam eine Mitgliedschaft bei den Sozialdemokraten für ihn nicht in Frage.
Der Zusammenschluss aller linken Kräfte aus Ost und West begeisterte ihn, er wollte da mitmachen, gleichzeitig aber studieren und das möglichst in Berlin. Während sich seine politische Einstellung durch die Erfahrungen in einer Treptower Aldi-Filiale weiter festigte, wuchs der Entschluss, nicht Betriebswirtschaft sondern einen Studiengang für Soziale Arbeit zu wählen.
Seit einem Jahr fährt er nun täglich von Friedrichshagen an die Evangelische Hochschule in Zehlendorf. Trotz Studium und Nebenjob in einem Kreuzberger Restaurant ist Lucas fest entschlossen, in seiner Parteiarbeit für die Linke nicht nachzulassen. Als nächstes will er mit einem gleichaltrigen Genossen aus Köpenick Ideen sammeln, wie man mehr junge Menschen für die Linken gewinnen kann. Von den Piraten können wir in dieser Beziehung lernen, schätzt er ein. Wir müssen etwas Neues anbieten, neue Formen finden und nicht warten, bis junge Menschen zu uns kommen, sondern mit unseren Ideen und Vorschlägen dahin gehen, wo die Jugend ist. Die Piraten sieht er eher als eine linke Partei. Wir können von einander lernen, sagt er.
Wenn man Lucas gegenübersitzt und erlebt, wie überlegt und erfrischend er seine Gedanken darlegt, glaubt man, dass er es sehr Ernst meint und etwas bewegen wird.
Helga Pett